Neurodermitis

Neurodermitis: eine Erkrankung mit vielen Gesichtern – was hilft bei den unterschiedlichen Ausprägungen des Krankheitsbildes?

„Neurodermitis“ – was ist das?

Eine durch Rötung, Schuppung und Juckreiz gekennzeichnete Erkrankung der Haut, die meistens im frühen Kindesalter beginnt und deren Ursachen bis heute nicht genau bekannt sind. In Deutschland leben ca. 3 Millionen Betroffene; die Häufigkeit ist stark zunehmend! Zusammen mit dem Heuschnupfen und dem allergischen Asthma gehört die Neurodermitis zu dem Formenkreis der Atopie (aus dem Altgriechischen: „am falschen Ort“) und die Bereitschaft, an ihr zu erkranken, wird vererbt. Die Wahrscheinlichkeit, eine Neurodermitis zu bekommen, beträgt für ein Kind 25-30%, wenn ein Elternteil betroffen ist und 50-75%, wenn beide Elternteile betroffen sind!

Was sind die Ursachen?

Ob eine Neurodermitis wirklich ausbricht, hängt nicht nur von der Vererbung ab, sondern auch von vielen anderen Faktoren (sog.“multifaktorielle“ Erkrankung). Dazu gehören die Kleidung (zu eng, nicht atmungsaktiv, kratzend), die Körperhygiene (zu häufiges Duschen oder Baden, Benutzung entfettender Seifen; Duftstoffallergiker werden in der Kindheit „herangezüchtet“), das Klima (sog. „Reizklima wie Seeluft, Höhenluft lindert; Sonne kann heilen), Infektionen der Haut (Viren, Bakterien,Pilze), Allergien (z.B. Lebensmittel, Blütenpollen u.a. Pflanzenbestandteile, Hausstaubmilben, Metalle), Umweltschadstoffe und psychische Faktoren (z.B. Streß!). Man geht heute davon aus, dass einerseits ein zunehmend „steriles“ Aufwachsen unserer Kinder zu einer Unterbeschäftigung unseres Immunsystemes führt, welches sich neue Betätigungsfelder sucht (die eigene Haut, die sich nunmehr entzündet...), andererseits natürliche Allergene wie z.B. Baum-oder Gräserpollen durch Umweltstoffe so verändert werden, dass sie vom Immunsystem der Haut plötzlich als gefährliche Eindringlinge identifiziert und demzufolge massiv bekämpft werden.

Was funktioniert nicht richtig bei dieser Erkrankung?

Durch einen vermehrten Wasserverlust und das Fehlen von sog. „Ceramiden“ trocknet die Haut sehr stark aus. Eine verringerte Abwehrkraft der Haut gegenüber Bakterien, Viren oder Pilzen ist die Folge und führt zu vermehrten Infektionen. Veränderungen des Schwitzens und eine erhöhte Allergieanfälligkeit sind weitere Faktoren, welche schließlich in einer Entzündung eines Teils oder der gesamten Haut einmünden, immer mit Juckreiz einhergehend!

Welche Formen der Neurodermitis gibt es?

Bei Säuglingen bereits manifestiert sich die Erkrankung in Form von „Milchschorf“ (wie verbrannte Milch weißlich-schwarz aussehende Krusten meistens der Kopfhaut), auch können im Gesicht, großflächig am Rumpf und/oder den Streckseiten der Extremitäten rötlich- nässende Pusteln und Krusten auftreten. Der Juckreiz quält diese Kleinen ganz erheblich! Kinder und Jugendliche haben häufig eine sehr trockene Haut und die typischen „Beugenekzeme“ der Ellenbeugen und Kniekehlen. Kratzen führt zu einer Hautverdickung (sog.“Lichenifikation“) und den „Glanznägeln“, welche durch das häufige Kratzen glattpoliert werden! Im Erwachsenenalter reicht das Spektrum von trockenen Finger-und Zehenspitzen

(„Pulpitis sicca“) über den isolierten„Lichen vidal“ (einzelne, kreisförmige entzündete Hautstelle häufig nahe dem Handgelenk oder Knöchel; trotz Therapie immer wieder über Jahrzehnte auftretend), das Schweißdrüsenekzem von Handtellern und Fußsohlen, das isolierte Ekzem der Brustwarzen oder das „Lippenleckekzem“ als Minimalvarianten über die typischen Beugenekzeme bis hin zu den maximalen Ausprägungsformen der Erkrankung , bei denen die gesamte Haut der Betroffenen massiv gerötet, schuppig und mit gelblichen Krusten bedeckt sein kann. Diese Menschen sind durch ihre Erkrankung und den damit verbundenen massiven Juckreiz in ihrer Lebensqualität erheblich beeinträchtigt, was nicht selten bis hin zu Selbstmordgedanken reicht!

Wie sieht die klassische Therapie der Neurodermitis aus?

Wichtig ist die Beachtung allgemeiner Verhaltensmaßregeln (reizarme Kleidung, allergenarme Umgebung an Wohnort und Arbeitsplatz, Meiden bestimmter Lebensmittel wie Kuhmilch, Hühnerei, Weizen, Nüsse, Fische/Schalentiere, Gewürze, Zitrusfrüchte, möglichst Stressfreiheit). Auch die Körperpflege sollte Rücksicht auf die extreme Hauttrockenheit nehmen. Neben rückfettenden Wasch- und Badezusätzen (Beispiel: „Kleopatrabad“ = 1 EL Milch, 1 EL Olivenöl auf 1 Kinderbadewanne Wasser!) ist regelmäßiges Einfetten der Haut besonders wichtig! Hier können auch Pflegezusätze wie Harnstoff („Urea“, bindet Wassermoleküle in der Hornschicht der Haut) oder gamma-Linolensäure (sog. „Nachtkerzensamenöl“, z.B. in „Borretschöl“ enthalten) zum Einsatz kommen. An äußerlichen Therapiemaßnahmen kommen juckreizstillende (Thesit=Polidocanol) und/oder antientzündliche Stoffe zur Anwendung (Eichenrindenextrakt, Steinkohlenteer, sog. „nichtsteroidale Antiphlogistica“ wie Bufexamac oder Parfenac) bis hin zur äußerlichen Cortisonanwendung, wobei es vier unterschiedliche Klassen von Cortisoncremes/salben gibt, welche sich in Stärke und Nebenwirkungsrate deutlich unterscheiden! Je nach Stadium der Neurodermitis wird der Arzt eher zu feuchten Therapiemedien greifen (Bäder, Umschläge, Lösungen, Lotionen = Bodymilch für nässende Ekzeme) bzw. zu Cremes (Öl in Wasser Emulsion bei leichter Austrocknung und Entzündung) oder sogar zu fetten Salben (Wasser in Öl – Emulsion bei sehr trockenen, „lichenifizierten“ Hautarealen). Auch Tablettenbehandlungen kommen zum Einsatz wie Nachtkerzensamenöl (Nahrungsmittelergänzung), Antihistaminika (juckreizlindernd, antiallergisch), Sedativa (zur Beruhigung) und schließlich auch Cortison. Letztere können auch in Spritzenform verabreicht werden, wenn die Neurodermitis ganz besonders schlimm ist. Aber: Cortison hat (fast) immer Nebenwirkungen: an der Haut kommt es nach einer gewissen Zeit der Anwendung (je nach Alter, Hauttyp, Lokalisation der Anwendung und Stärke des verwendeten Cortisonpräparates unterschiedlich schnell; bei Kindern ist besondere Vorsicht geboten!) zu einer irreversiblen Verdünnung der Haut und dem Durchscheinen von kleinen Blutgefäßen („Zigarettenpapier- Haut“) oder zu Akne-ähnlichen Pusteln auf der Haut („Cortison-Akne“). Die Nebenwirkungen bei Cortisontabletten oder –spritzen sind noch weit gefährlicher. Daher wurden schon lange neuartige Substanzen gesucht, welche zwar eine ähnlich starke anti-entzündliche Wirkung wie Cortison, nicht aber dessen Nebenwirkungen aufweisen.

Moderne Therapiealternativen!

Heute stehen uns mit den Wirkstoffen Pimecrolimus (Elidel R, Douglan R) und Tacrolimus (Protopic R) neuartige Substanzen zur Verfügung, welche im Anschluß oder anstelle von Cortison in der äußerlichen Anwendung eingesetzt werden können! Pimecrolimus findet sich in winzigen Spuren in einem japanischen Pilzextrakt (Ascomycin) und hat eine starke entzündungshemmende Wirkung auf die menschliche Haut! Als sog. „Calcineurin-Inhibitor“ blockiert es die Aktivierung von T-Helferzellen und Mastzellen der Haut, sodaß eine Ausschüttung von Entzündungsmediatoren (sog. „Cytokine“) verhindert wird. Dadurch kann die Rötung, Schuppung und der massive Juckreiz, der alle Neurodermitis-Schübe begleitet, wirksam unterbunden werden. Auch bei Kleinkindern ab 2 Jahren und auf Hautpartien, die gegenüber Cortisonnebenwirkungen besonders empfindlich sind, wie z.B. auf den Augenlidern, entfaltet Pimecrolimus seine volle Wirkung. Im akuten Schub 2xtäglich dünn aufgetragen sollte Pimecrolimus in den erscheinungsfreien Intervallen weiterhin (z.B. 1x/Woche) eingesetzt werden und kann so die Zeitdauer bis zum Auftreten eines neuen Schubes deutlich verlängern, wenn nicht diesen sogar ganz verhindern! Damit stehen uns heute wirksame Alternativen zum Cortison zur Verfügung, welche, ohne ein ständig schlechtes Gewissen wegen dessen Nebenwirkungen zu erzeugen, das Leben des Neurodermitikers erheblich erleichtern können!